Freitag, 5. August 2016

Aufklärung verstehen mit „The Big Short“, Teil 3

 Erzählverhalten

© Universal
Bei dem charakteristischen Wechselspiel von Nähe und Distanz in The Big Short, das im Zuschauer gleichzeitig inneres Engagement und kritisches Bewusstsein vermitteln soll, trägt das Erzählverhalten eher zur Distanzierung bei. Der Film hat einen Ich-Erzähler, der selbst Teil der erzählten Welt ist und wesentlich mehr Distanz als Nähe zum Zuschauer etabliert. Er verändert sich als Mensch nicht merklich und erfährt auch keine Katharsis wie andere Figuren. Jared Vennett (Ryan Gosling) führt durch die Handlung, wobei er, üblicherweise aus dem Off, ausgiebig kommentiert und wertet, was vor sich geht. Er verfügt souverän über die Zeit und hebt, wenn es ihm sinnvoll erscheint, mit Rückblicken die Chronologie der Handlung auf. Dabei ist er ist witzig und intelligent. Sein Sarkasmus und seine Neigung zu deftigen Ausdrücken (die wertlosen Anteile in den Subprime-Anleihen bezeichnet er als „dog shit“) fügen sich zu den satirischen Aspekten des Films. Er ist ein geschickter Verkäufer, wobei ihm seine Gabe, schwierige Sachverhalte einfach und einleuchtend zu erklären, nützlich ist. In einer zentralen Szene erklärt er verblüfften Managern, mit denen er ins Geschäft kommen will, (und nebenbei auch dem Zuschauer) mithilfe eines Turms aus Bauklötzen den prekären Zustand des Marktes für Hypothekendarlehen und weshalb dieser zwangsläufig, wie am Klötzchenturm anschaulich demonstriert, bald kollabieren wird.
Vennetts Geschichte soll auf wahren Begebenheiten beruhen, aber er weckt gelegentlich Zweifel an seiner eigenen Zuverlässigkeit, wenn er am Ende einer Szene anmerkt: "Okay, so that's not really how it happened." Neben solchen metafiktionalen Passagen, in denen Vennett den künstlichen Charakter des Werkes selbst thematisiert, gibt es weitere Fiktionsbrüche, vor allem wenn er sich in Szenen unter seiner Beteiligung direkt in die Kamera wendet. Auch sein Assistent Ted Jiang (Stanley Wong) spricht den Zuschauer einmal persönlich an, um eine Aussage Vennetts zu korrigieren. Dieses Aus-der-Rolle-Fallen des Erzählers und anderer Figuren irritiert den Zuschauer und hindert ihn daran, sich vollständig von der erzählten Welt absorbieren zu lassen. Weitere Beispiele für die fließende Grenze zwischen Fiktion und Realität sind die Cameo-Auftritte von Prominenten wie Selena Gomez.
Vennett arbeitet selbst in der Finanzindustrie und lässt den Zuschauer an seinen Insider-Kenntnissen teilhaben, zieht ihn regelrecht ins Vertrauen („[to camera]: I can‘t really say it to anyone else, but I‘ll say it to you.“). Am Ende erhält er, während rund um ihn herum das Chaos an den Finanzmärkten herrscht, einen Bonus von $ 47.000.000 von der Deutschen Bank. Offensichtlich trägt er die Geschichte vor, um sich dafür zu rechtfertigen, auch wenn er in einer kleinen Schlussrede versichert, kein schlechtes Gewissen zu haben. Der Zuschauer dürfte trotzdem Schwierigkeiten haben, sich mit ihm zu identifizieren, weil er nicht sympathisch ist. Er dürfte sich Ted Jiangs Einschätzung anschließen, der seinen Chef so einschätzt: „Some people at work think Jared‘s a dick, but he‘s great at his job.“ Vennett ist selbstgefällig und aalglatt, und er verkörpert eine Welt, der man im Laufe des Films zu misstrauen lernt, arbeitet also eigentlich gegen sich selbst und das Bild, das er gerne abgeben würde.
Im Übrigen ist die Erzählhaltung nicht völlig konsistent: Es gibt Szenen, in denen man Vennetts Anwesenheit gar nicht bemerkt oder sogar vergisst. Von zahlreichen Elementen der Erzählung kann er bestenfalls vom Hörensagen Kenntnis erlangt haben, und von persönlichen Vorgängen wie zwischen Mark Baum (Steve Carell) und seiner Frau Cynthia (Marisa Tomei) eigentlich überhaupt nicht. Außerdem häufen sich weitere Signale, die seine Glaubwürdigkeit und Autorität unterlaufen. Dazu gehören seine Versuche, die ethischen Dimensionen des Problems kleinzureden, während der Film sie zugleich schonungslos offenlegt. Was die beklagenswerten Zustände auf den Finanzmärkten betrifft, ist der Erzähler Vennett eher Teil des Problems als seiner Lösung.
Der hypnotische Blues des Led Zeppelin-Songs When the Levee Breaks („Wenn der Damm bricht“), welcher den Abspann begleitet und als Kommentar zur Krise und als Warnung verstanden werden kann, passt ebenfalls nicht zu Vennett. Dieser wirkt insgesamt mehr wie ein Moderator, der von einer übergeordneten Erzählinstanz mit eingesetzt wurde, dem aber nur eingeschränkte Kompetenzen zugewiesen sind und der nur begrenzt Zugriff auf die dargestellte Realität hat.

Montage und Metaphern

Eine entscheidende Funktion hat in The Big Short die Montage von Hank Corwin. Sie wird in besonderem Maße zum Ausdruck der Rastlosigkeit und des Wahnsinns einer Zeit, in der die Vernunft kaum irgendwo Gehör fand, und ist gleichzeitig Mittel um Bewusstseins- und Lernprozesse im Zuschauer anzuregen. Einige Montageverfahren stellen Nähe zu den Figuren her und stärken Identifikation. Das betrifft Einstellungen, in denen die Schauspieler (vor allem Carell und Bale) improvisieren und damit besonders „authentisch“ und nahbar wirken. Für jede Hauptfigur gibt es zudem eine „editorial signature“ (Corwin), also jeweils eine besondere Technik, welche ihre Eigenschaften und Stimmungen durch den Schnitt transportiert. Szenen, in denen Mark Baum im Mittelpunkt steht, haben oft kurze, mit beweglich-nervöser Handkamera gefilmte Einstellungen. Baums innere Unruhe überträgt sich auch durch die vielen Groß- und Nahaufnahmen, die den Abstand zwischen dem Zuschauer und dem Geschehen verringern. Szenen mit dem um Fassung bemühten Michael Burry hingegen haben meistens längere Einstellungen, größere Einstellungsgrößen und ruhigere Kamerabewegungen. Diese Montagetechniken nimmt der durchschnittliche Kinobesucher nicht bewusst zur Kenntnis, aus ihnen entwickeln sich eher unterschwellig Eindrücke von den Charakteren.
Insgesamt hält sich die Montage hier aber nicht unauffällig im Hintergrund, sondern verhindert oft sogar eine nahtlose Entfaltung der Handlung. Sie erzeugt Brüche und damit Distanz, u.a. weil sie Elemente mit unterschiedlichem Wirklichkeitscharakter verknüpft. Es gibt mehrfach Texteinblendungen wie auf einem Whiteboard in der Schule und, wie schon erwähnt, in die normale Filmhandlung integrierte Einstellungen mit Cameo-Auftritten von Prominenten, außerdem solche mit Clips und Dokumentaraufnahmen aus dem Archiv, zum Beispiel von dem Rapper Ludacris und von Britney Spears, welche die Erzählung in den kulturellen Kontext einordnen und bewusst machen sollen, wie Oberflächlichkeit und die Gier nach Wachstum, Geld und Prestige die Mentalität der Jahre bis 2007 prägten. Doppelbödig sind Einstellungen wie die, in der sich eine verführerische und eingebildete Blondine Champagner schlürfend in einem luxuriösen Schaumbad mit Blick aufs Meer aalt. Dass es sich dabei um die Schauspielerin Margot Robbie als sie selbst handelt, dass sie dem Zuschauer direkt in die Augen blickt, ihm erklärt, wie „Subprimes“ funktionieren, und ihn schließlich mit den Worten „And now fuck off“ verabschiedet, reißt ihn aus der Leinwandillusion heraus und aktiviert sein Denkvermögen.
Das Schaumbad ist dabei eine starke Metapher für die Finanzmärkte; im Englischen drückt sich die Verwandtschaft zwischen „bubbly bath“ und „market bubble“ auch sprachlich aus. Immer wieder verfährt der Film ähnlich, um Erkenntnisvorgänge im Zuschauer durch Bilder anschaulich zu unterstützen. Einmal erklärt der Koch und Buchautor Anthony Bourdain in eigener Person am Beispiel eines Fischeintopfs mit halb verdorbenem Heilbutt, wie eine Subprime-Hypothek konstruiert wird. Und wie unberechenbar und dramatisch die Folgen der Subprime-Krise sind, demonstriert der Alligator, der plötzlich aus dem Pool einer Investitionsruine in einer Vorstadt in Florida nach Mark Baums Mitarbeitern schnappt. Der überdimensionierte Augenschutz der Standard & Poor‘s-Angestellten mit den Sehproblemen macht ohne viele Worte und Erklärungen nachvollziehbar, wie blind die Ratingagenturen sich im Vorfeld der Finanzkrise stellten. Dies sind Belege für ein Verfahren, das mit der sogenannten Assoziationsmontage oder intellektuellen Montage verwandt ist, die im Zuschauer plötzliche und überraschende Einsichten erzeugen soll. Besonders einsichtig ist die ausgedehnte Spielcasino-Metapher, die eine ganze Szene komplett in Anspruch nimmt. Mit ihren Hilfe illustrieren der Verhaltensökonom Richard Thaler und die Schauspielerin Selena Gomez (auch diese beiden als sie selbst) am Blackjack-Tisch, was Synthetische CDOssind (in den Worten des Erzählers: die „atomic bombs“ unter den Wertpapieren). Thaler nutzt die Gelegenheit, um auf einige Grenzen der menschlichen Vernunft aufmerksam zu machen. Er setzt die Casino-Besucher als Statisten bei seiner Erklärung der sogenannten „Hot Hand Fallacy“ (Hot-Hand-Phänomen) ein. Dieses psychologische Phänomen verleitet Menschen beim Geldanlegen dazu, Wahrscheinlichkeiten zu missachten und zu große Risiken einzugehen in der ungerechtfertigten Erwartung, dass eine Folge positiver Ereignisse oder eine Glückssträhne sich ewig fortsetzen wird. „Der Schlaf der Vernunft“ ist also in manchen Fällen nur menschlich (Thaler: „Not crazy, just human. The crazy part is assuming that people will act logically all the time.“), kann aber verheerende Folgen haben.
Obwohl die Blackjack-Szene sehr unterhaltsam und komisch ist, bringt sie auch Skepsis zum Ausdruck. The Big Short wünscht sich den kritikfähigen und mündigen Bürger, ist jedoch weniger optimistisch als die Philosophen der Aufklärungsepoche bei der Frage, ob das Wesen des Menschen jemals eine wirklich aufgeklärte Gesellschaft zulassen wird. Auch andere Zeichen wie Mark Baums Resignation am Ende des Films und der Ausklang mit dem bedrohlichen When the Levee Breaks deuten in diese Richtung.

Siehe auch: Aufklärung verstehen mit „The Big Short“, Teil 1 und Teil 2.

Mittwoch, 3. August 2016

Aufklärung verstehen mit „The Big Short“, Teil 2

Steve Carell als Mark Baum
© Universal
Bildung und Erziehung des Zuschauers

[…] Wie bereits dargelegt, neigt The Big Short, Adam McKays Film über die große Finanzkrise von 2007-2009, in starkem Maße den Zielen und dem Menschenbild der Aufklärung zu. Er steht in einer Tradition, die man bis in das 18. Jahrhundert hinein zu den amerikanischen Gründervätern und zu Autoren wie Immanuel Kant, John Locke und Voltaire zurückverfolgen kann. Wie in einem Brennglas führt der Film vor Augen, wie der ungezügelte Finanzkapitalismus der Nullerjahre die uramerikanische Idee einer gerechten und egalitären Gesellschaft ad absurdum führt und den Respekt vor harter und ehrlicher Arbeit zerstört. Während ursprünglich jahrelange Anstrengung und eine gute Ausbildung den Weg zum amerikanischen Traum vom Wohlstand und Eigenheim für jedermann wiesen, beteiligten sich nun Millionen an der scheinbar sicheren, aber in Wirklichkeit fatalen Spekulation auf dauerhaft niedrige Zinsen und wachsende Häuserpreise. Verantwortungslose und schlecht regulierte Banken trafen auf leicht zu beeinflussende Bürger, von denen viele sich hoch verschuldeten, obwohl sie nicht einmal einen sicheren Job hatten. Wer diese Zeit und ihre Selbsttäuschungen und Illusionen verstehen will, sollte The Big Short gesehen haben. Man erfährt darin, wie es zu der Perversion des Ideals gekommen ist und wie der Vorgang die Gesellschaft von innen her erschüttert hat.
Der Film setzt den Zuständen, die er beschreibt, trotzallem weiterhin den Glauben an die Kraft der Vernunft entgegen und die Überzeugung, dass das Wohl der Gemeinschaft über dem des Einzelnen steht. Dabei ist er pädagogisch orientiert, denn er ist um die Bildung und Erziehung des Zuschauers im Dienste einer Verbesserung der Gesellschaft bemüht. Es geht darum, das Publikum aufzuklären, sein Engagement zu wecken und seinen Handlungsspielraum zu erweitern, und das bei einem Thema, welches meistens für nebulös und außerdem für einen Film für zu sperrig gehalten wird. Der Film widersetzt sich der Auffassung, dass der kryptische Fachjargon der Finanzwirtschaft nur dem Eingeweihten zugänglich ist. Darüber liegt, wie der Erzähler uns im Voice-over mitteilt, mit Absicht ein Schleier, um die Kundschaft zu verwirren. The Big Short reißt diesen Schleier fort und entlarvt die Habgier, die dahinter verborgen liegt. Vor allem aber traut und mutet der Film dem Zuschauer zu, ihm dabei bis ins Detail zu folgen. Deshalb liegt der Schwerpunkt in The Big Short auf den Hintergründen, während sich thematisch verwandte Filme wie Wall Street, Arbitrage, The Wolf of Wall Street und 99 Homes überwiegend auf die Charaktere und ihre Verführbarkeit konzentrieren.
Ein solcher Film braucht eine didaktische Konzeption. Die entscheidende Strategie besteht dabei in dem laufenden Versuch, einen Ausgleich zwischen Vernunft und Gefühl herstellen und den Widerspruch zwischen "Kopf" und "Herz" aufzuheben, denn ein Kunstwerk, auch wenn es sich den Idealen der Aufklärung verpflichtet fühlt, kann nicht allein an die Ratio appellieren. Der Film stellt deshalb laufend die Balance zwischen Nähe und Distanz zum Geschehen her. Nähe ermöglicht eine intuitive Form der Erkenntnis, bedeutet Einfühlung in die Charaktere und Identifikation. Sie bezieht das ein, was uns an unsere eigene Lebenswelt und den konkreten Alltag erinnert. Erst aus dem Abstand gewinnt man aber den Überblick, welcher eine Grundvorausetzung für kritisches Denken, Theorie, System, Verfremdung, Abstraktion ist, also auch für das angemessene Verständnis der lehrhaften Inhalte in The Big Short. Vermittels einer überraschend entspannten und spielerischen Art, diese Inhalte zu präsentieren, und mit dem geschickten Ineinander von Nähe und Distanz gelingt es, im Zuschauer Verwunderung, Staunen und Wissbegier zu wecken. Geistige Anstrengung lässt der Film häufig in lustvolle Einsicht münden.

Figurengestaltung

The Big Short versammelt eine große Anzahl von Nebenfiguren, von denen viele nur ein oder zweimal auftreten und nur einen bestimmten Aspekt veranschaulichen, zum Beispiel die Familie, die ihre Bleibe verliert, weil der Vermieter seine Raten an die Bank nicht mehr gezahlt hat. So setzt sich ein Panorama der Krise zusammen, wobei der Zuschauer wenig Gelegenheit hat, Nähe zu einzelnen dieser Gestalten zu entwickeln. Im Vordergrund steht, dass man aus ihrem Verhalten und/oder Schicksal etwas für sich ableiten kann.
Identifikation über nennenswerte Zeiträume kommt nur bei den drei wichtigsten Figuren auf, und auch das jeweils erst nach einer längeren Phase, in der sie das Publikum eher befremden oder erheitern, denn Mark Baum (Steve Carell), Michael Burry (Christian Bale) und Ben Rickert (Brad Pitt) sind auf unterschiedliche Art sehr exzentrisch. Burry ist ein begabter Sonderling, der barfuß im Büro sitzt und bei der Arbeit dröhnend laut Heavy Metal hört. Baum verliert in seiner maßlosen Wut auf die Korruption in der Finanzwelt oft die Selbstkontrolle, und an Rickert fallen erstmal nur sein Aussteigerhabitus und seine NSA-Paranoia auf. Für den Zuschauer hat dies den Vorteil, dass man sich zuerst ganz ohne emotionale Verstrickung auf die Dinge konzentrieren kann, die vor allem Burry und Baum über die große Spekulationsblase am Häusermarkt herausfinden. Sie alle geraten dann jedoch in Situationen, die sie an Grenzen führen und die im Fall von Baum und Burry auch ihre Existenz bedrohen, weil die großen Banken auf betrügerische Weise versuchen, das Platzen der Schuldenblase hinauszuzögern. Dadurch droht „The Big Short“, also die Wette gegen den Markt, unwirksam zu werden. Nun fiebert der Zuschauer mit den Außenseitern in ihrem Kampf gegen scheinbar übermächtige Feinde mit. Wir durchleben mit Baum, Burry und Rickert Furcht und Schrecken, Aggression und Widerwillen als heilsame Erschütterungen und werden mit ihnen gemeinsam davon befreit. Der Film führt so eine Lernerfahrung herbei, in welcher sich Emotion und Reflexion ergänzen und die im Theater der Klassik und Aufklärung als Katharsis bezeichnet wird. Die Figuren entwickeln ein höheres Bewusstsein von sich selbst und der Welt, in der sie leben, ausgelöst durch die Erfahrung negativer Gefühlszustände. Während das Publikum mit ihnen mitleidet, vollzieht es diesen Prozess nach und wird darauf vorbereitet, sein eigenes Leben ebenfalls bessser zu bewältigen [...]

Siehe auch: Aufklärung verstehen mit „The Big Short“, Teil 1 und Teil 3.

Freitag, 22. Juli 2016

Aufklärung verstehen mit „The Big Short“, Teil 1

Hedgefonds-Manager Michael Burry (Christian Bale) 
© Universal
Das Kino als Medium der Aufklärung

"El sueño de la razón produce monstruos" ist der Titel einer bekannten Radierung von Francisco de Goya (1746-1828) und zugleich eine ambivalente Aussage, denn das spanische Wort „sueño“ bedeutet sowohl „Schlaf“ wie auch „Traum“. Muss es also heißen: „Der Schlaf der Vernunft“ oder „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“? Beides ergibt auf eigene Weise Sinn, denn es gibt Situationen, in denen die Abwesenheit der Vernunft die dunklen Seiten und Abgründe im Menschen und in der Gesellschaft befördert, und andererseits solche, in denen eine verabsolutierte oder rein instrumentelle Vernunft den allergrößten Schaden anrichtet, wenn sie zum Beispiel nur als kalte Rationalität dazu dient, Herrschaft effektiv auszuüben oder Profite auf Kosten des Gemeinwohls zu steigern. Es ist ein Verdienst von Adam McKays The Big Short, dass der Film in einer fesselnden Geschichte rund um die Finanzkrise von 2007 bis 2009 beide Verhängnisse zugleich vergegenwärtigt und außerdem vermittelt, wie sie auch miteinander zusammenhängen können. Den Schlaf der Vernunft repräsentiert dabei die jahrelange verantwortungslose Gier nach Höchstrenditen am Hypothekenmarkt, ihren Traum wiederum das der ganzen Spekulation zugrundeliegende, scheinbar sichere Geschäftsmodell, das einige Jahre lang hohe Gewinne ermöglichte, langfristig aber eine gigantische Schuldenblase verursachte. Beides gemeinsam erzeugte in der Folge die schwerste Weltwirtschaftskrise seit 1929. Wie schwer es hier ist, die Grenze zwischen unethischem oder sogar gesetzwidrigem Verhalten einerseits und irrationalem andererseits zu ziehen, ist Jared Varnett (Ryan Gosling), dem Erzähler des Films, bewusst, wenn er sagt: „If you can tell me the difference between stupid and illegal, I‘ll have my wife‘s brother arrested.“
The Big Short führt andererseits vor Augen, wie der richtige Gebrauch der Vernunft sich gestalten sollte, nämlich immer noch im Sinne Kants als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Das Kino steht hier vollständig in der Tradition der Aufklärung, indem es zu einem kritischen und selbständigen Denken mit moralischem Kompass erzieht. Es will sein Publikum außerdem auf dem Weg zur Mündigkeit unterstützen, indem es Licht ins Dunkel komplexer wirtschaftlicher, politischer und psychologischer Zusammenhänge bringt, die das Leben der Allgemeinheit beeinflussen. Dabei folgt es dem Motto „prodesse et delectare“, denn es will zugleich „nützen“ und „unterhalten“. Am Ende hat der Zuschauer vieles verstanden, und zwar nichts Geringfügiges, sondern Dinge, die den Status Quo der Gesellschaft von heute im Innersten betreffen, weil die Verwerfungen, welche die Finanzkrise mit sich gebracht haben, noch längst nicht ausgestanden sind. Ein weiteres, ähnlich dramatisches Beben der Märkte ist für die Zukunft nicht ausgeschlossen. In diesem Sinne ist ein so kluger wie in jeder Hinsicht gut gemachter Film ein Glücksfall, weil er seinem Zuschauer relevante Sinnzusammenhänge vermittelt. Gelungene Zeitungsartikel, Kommentare und Analysen zum Thema erfüllen diesen Zweck auch (und werden durch das Kino nicht überflüssig gemacht), jedoch nicht so anschaulich und lustvoll wie The Big Short, worin sich Spannung und Vergnügen in idealer Weise mit Erkenntnis und Einsicht verbinden.

Unmündigkeit vs kritisches Denken

Schon Jahre vor dem Ausbruch der Krise, die ihren Höhepunkt mit der Insolvenz der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 erreichte, hatte es verbreitet Warnungen vor Blasenbildungen an den Immobilienmärkten gegeben. Die Intensität und Bodenlosigkeit der Probleme traf aber selbst die meisten Insider unvorbereitet. Die maßlose Kreditvergabe an praktisch zahlungsunfähige Häuserkäufer hatte in den USA den ganzen Bankensektor destabilisiert und drohte, die gesamte Wirtschaft in den Abgrund zu reißen. An einer Fülle von Nebenfiguren und Situationen macht The Big Short erfahrbar, weshalb die Lage über einen langen Zeitraum unbemerkt immer bedrohlicher werden konnte. Neben der exzessiven Risikobereitschaft bei Banken und Anlegern waren es vor allem Haltungen, die der von Kant geforderten Mündigkeit und Denkbereitschaft diametral entgegenstehen: Leichtgläubigkeit, Verdrängung, Opportunismus, Denkfaulheit, Selbsttäuschung, Dummheit, Unwissen, Herdentrieb und blindes Vertrauen in Autoritäten. Da gibt es die Investmentbanker und Broker, die ständig Wertanlagen verkaufen, deren komplizierte Konstruktion sie nicht entfernt verstanden haben; Fondsmanager, die dem angesehenen Notenbankchef Ben Bernanke blind glauben, dass der Häusermarkt sicher ist; eine Angestellte der Agentur Standard & Poor‘s, die Ramschpapieren ein AAA-Rating gibt; eine Mitarbeiterin der Börsenaufsichtsbehörde SEC, die eigentlich von Amts wegen dafür zuständig wäre, Missstände aufzudecken, aber aus Eigeninteresse nicht aktiv wird; ein Journalist des Wall Street Journal, der aus Angst um seine Karriere Hinweise auf den bevorstehenden Crash nicht verfolgt; eine Stripperin, die sich auf Pump fünf Häuser und eine Eigentumswohnung kauft.
In dieser realitätsvergessenen Welt sind die sechs Hauptfiguren des Films komplette Außenseiter. Er basiert auf dem Sachbuch The Big Short: Inside the Doomsday Machine von Michael Lewis (2010) und stellt sechs Männer ins Zentrum, die Schlüsselrollen bei der Entstehung eines Marktes für Kreditausfallversicherungen spielten. Diese Investoren erkennen frühzeitig, dass die große Blase irgendwann ab 2007 platzen wird und entwerfen als erste Wertpapiere, mit deren Hilfe sie auf fallende Kurse wetten (sie „shorten“ den Markt, daher der Titel). Sie streichen schließlich märchenhafte Profite ein und gehören damit zu den Gewinnern des Crashs, die meisten von ihnen allerdings mit schlechtem Gewissen, denn je mehr Einblicke sie im Laufe der Zeit in die zweifelhaften Geschäftspraktiken der Banken erlangen, desto mehr erscheint es ihnen ein Dilemma, davon zu profitieren (wenn auch nur indirekt). Am Ende überwiegt schließlich auch die Verantwortung für ihre Finanziers und für die Angestellten, Freunde, Familien, die von ihnen abhängig sind. Nur der zynische Trader Jared Vannett ist lediglich am schnellen Gewinn orientiert und kommt bis zum Schluss ohne ethische Prinzipien aus.
Einige der Figuren repräsentieren unterschiedliche und sich ergänzende Aspekte des aufklärerischen Ideals:
  • Michael Burry (Christian Bale) managt einen Hedgefonds und entdeckt als erster, wieviele wertlose Anteile die massenhaft im Umlauf befindlichen, aus Hypothekendarlehen konstruierten Anleihen (die sogenannten Subprimes) enthalten. Burry ist der Typus des Forschers, er verbindet vorurteilsfreie, wissenschaftlich-mathematische Intelligenz mit Ehrlichkeit und Liebe zur Wahrheit. Als scheinbar einziger analysiert er den Inhalt der Subprime-Anleihen und berechnet exakt die Risiken, die sie beinhalten. Unter dem Druck und den Anfeindungen, denen er wie die anderen Hauptfiguren ausgesetzt ist, lernt er sich selbst besser kennen. Seine autistischen Züge treten dann zurück, und er wendet sich vermehrt anderen Menschen zu.
  • Mark Baum (Steve Carell) leitet ebenfalls einen Hedgefonds und fühlt sich in seiner Skepsis gegenüber den großen Banken bestätigt, als er durch einen Zufall in Burrys Entdeckung eingeweiht wird. Er will nun das Geschäft und seine Konsequenzen bis ins Detail verstehen und ermittelt wie ein Detektiv, recherchiert, schickt Mitarbeiter aus, um Informationen an der Quelle einzuholen, und interviewt selbst lauter Beteiligte. Er leistet die Arbeit, die eigentlich Behörden und Presse erledigen sollten. Von seiner Haltung des Fragens und Insistierens und von seinem Streben nach Genauigkeit profitiert der Zuschauer, der gleich selbst mit ins Bild gesetzt wird. Der chronisch wütende Baum entwickelt im Laufe der Zeit einen aufklärerischen Furor, der ihn auch dazu bringt, bei Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen pompöse und selbstzufriedene Banker herauszufordern und zu entlarven.
  • Ben Rickert (Brad Pitt) ist ebenfalls von dem Bankgeschäft angewidert und hat sich ins Privatleben zurückgezogen, bis ihn die jungen Charlie Geller (James Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock) um Rat und Hilfe bitten, nachdem sie von Burrys Entdeckung Wind bekommen haben und ebenfalls gegen den Hypothekenmarkt wetten wollen. Rickert tritt auf als ein Humanist und Pädagoge, fungiert als moralische Autorität und Vorbild, der Charlie und Jamie erst bewusst macht, welche realwirtschaftlichen Auswirkungen Finanzspekulationen auf das Leben gewöhnlicher Menschen haben, die millionenfach durch die Krise von 2008 ihre Jobs und Häuser verlieren.

Siehe auch: Aufklärung verstehen mit „The Big Short“, Teil 2  und Teil 3.

Donnerstag, 23. Juni 2016

"Rachels Hochzeit" treibt böse Geister aus

Kym (Anne Hathaway) ist ein schwieriger Hochzeitsgast.
© Sony Pictures
Es ist viel zu wenig bekannt, dass sich Jonathan Demme nach Das Schweigen der Lämmer (1991) noch ein zweitesmal in die Filmgeschichtsbücher eingeschrieben hat, mit einem allerdings andersartigen Werk. Im Mittelpunkt von Rachels Hochzeit (2008) steht die drogenabhängige Kym Buchman (Anne Hathaway), die für ein paar Tage aus der Entzugsklinik in ihr Elternhaus in Connecticut fährt, wo dann, mitten in den ausgelassenen Vorfeiern zur Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) und in Gegenwart der schon angereisten Freunde und Verwandten, Konflikte wegen eines lange zurückliegenden Unglücks in der Familie offen zum Ausbruch kommen. Demme gibt seinen Charakteren Luft und Raum, sich zu entfalten, und bringt dann ihren verkapselten Schmerz und ihre Leidenschaften in heftigen verbalen und physischen Konfrontationen zur Entladung. Es ist ein Film, der den Zuschauer abwechselnd emotional durchschüttelt und spirituell erhebt, der böse Geister austreibt und das Leben feiert. Rachels Hochzeit ist wie eine lange, schwebende Jazzimprovisation über einer Woge aus Adrenalin, die anbrandet und dann wieder abklingt und den Zuschauer am Ende erleichtert und geläutert zurücklässt. Dieser Film zeugt von der kathartischen Kraft, die das Kino wie die antike Tragödie in seinen besten Momenten hat; er erzeugt in uns Mitleid und Furcht, um unsere Seele anschließend davon zu befreien.

Gespenstergeschichte

I just saw a ghost“, sagt jemand am Anfang des Films, als Kym ihr Elternhaus betritt. Jeder weiß von ihrer Sucht, ihren fehlgeschlagenen Therapien und ihrem oft unkontrollierbaren Zorn. Sie gilt als Irrlicht, das keinen Frieden finden kann. Einige Hochzeitsgästen überläuft bei ihrem Anblick ein Schauer oder sie haben sogar Angst vor ihr. Rachels Hochzeit ist auch eine Gespenstergeschichte, denn Kym hat nicht nur einen fahl-morbiden Emo-Look, ihr ganzes Verhalten weist sie als Spukgestalt aus, die zwischen Leben und Tod steht und weder eindeutig zu dem einen noch zu dem anderen gehört, seit sie als Sechzehnjährige unter Drogeneinfluss den Tod ihres kleinen Bruders Ethan verursacht hat. Auf einer Brücke verlor sie die Kontrolle über das Auto, in dem sie saßen, und konnte nicht verhindern, dass Ethan ertrank. Dieser Unfall hat die Familie Buchman zerstört; die Eltern haben sich darüber getrennt, und die Beziehung zwischen den Schwestern Kym und Rachel ist von gegenseitigen Vorwürfen geprägt. Das Gespenstermotiv ist Ausdruck der Getriebenheit und Unerlöstheit Kyms und der anderen Buchmans.
Das Gespenstermotiv fügt sich in den Rahmen des umfassenderen Hochzeitsmotivs, welches den Plot des Films dominiert. Eine Hochzeit ist ein Transformationsritual, das dem Paar auch dazu dient, die getrennt verbrachte Vergangenheit hinter sich zu bringen, bevor man die Schwelle in eine neue gemeinsame Zukunft überschreiten kann. Anschließend sind beide nicht mehr die gleichen, die sie vorher waren. Dabei werden symbolisch auch Dämonen vertrieben, traditionell etwa an einem Polterabend. In diesem Fall reicht es aber nicht, wenn die Gäste am Vorabend mitgebrachtes Geschirr zerschlagen. Vielmehr müssen Rachel und ihre ganze Familie die realen Schrecken bewältigen, die ihren Seelenfrieden stören. Während des Festessens am Tag vor der Trauung, einer zentralen Szene in Rachels Hochzeit, ist es Kym vorbehalten, diesen Vorgang einzuleiten. Nachdem schon viele andere Gäste sich vorgestellt und teils lustige, teils nachdenkliche Toasts auf Sidney und Rachel gehalten haben, voll des Lobes auf die Talente, Erfolge und Aussichten der beiden, stört Kym die gute Stimmung mit ihrem Vortrag. Sie wirkt verbittert und selbstgerecht, aber sie macht berechtigterweise auch deutlich, dass es für eine Idylle noch zu früh ist. Im Verlauf des Wochendes fordert Kym nun immer heftiger ihr Recht ein, wieder zum Reich der Lebenden zu gehören. Bevor ihre Schwester heiratet, will sie anerkannt wissen, dass sie unschuldig schuldig geworden ist, denn eigentlich hätte ihre Mutter Abby (Debra Winger) einem Junkie kein Kleinkind anvertrauen dürfen (was sie aber dennoch tat, weil Ethans Gegenwart so einen positiven Einfluss auf seine große Schwester hatte). Die heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden in Abbys Haus löst Blockaden und ist der entscheidende Wendepunkt der Handlung.

Shiva the Destroyer

Kyms Rolle bei die Heilung der Familie Buchman wird aus einem weiteren Subtext heraus noch besser erkennbar. Dieser nimmt auf indische Mythologie Bezug (obwohl Inder im Gegensatz zu mehreren anderen Ethnien in dem Film gar nicht vorkommen) und ist als durchgehendes Motiv in dem Hindu-Thema der Trauung enthalten. Rachel und die Brautjungfern tragen Saris, und die tiefblaue Hochzeitstorte wird von einer Figur des elefantenköpfigen Gottes Ganesha gekrönt. Rachel und Sidney (Tunde Adebimpe) werden so mit Ganeshas Eigenschaften in Verbindung gebracht: Weisheit, Sanftmut, Erfolg und Neubeginn. All dies trifft anfangs vor allem auf Sidney zu, der nicht nur auf eine beachtliche Karriere als Musiker blicken kann, sondern auch seinen neuen Verwandten mit Trost und Ratschlägen zur Seite steht. Rachel singt er als Liebeserklärung mit einer hingebungsvollen Version von Neil Youngs Hymne Unknown Legend an. Die beiden werden außerdem Eltern und scheinen damit der Familie Buchman nach den Heimsuchungen der Vergangenheit eine neue Zukunft zu geben.
Ohne die Zerstörung des alten Lebenszyklus kann in der hinduistischen Vorstellung allerdings nichts Neues geschaffen werden. Deshalb bedarf es eines Gegenpols zu dem schöpferischen Ganesh, damit Rachels und Sidneys neues Glück nicht bloß ein Wunsch bleibt. Dafür ist die selbstbezogene, zynische Außenseiterin Kym zuständig, die sich selbst in ihrem Toast auf das Brautpaar beim Abendessen als „Shiva the Destroyer“, als „your harbinger of doom for the evening“ und als „loose cannon“ bezeichnet. Sie repräsentiert die vernichtende Kraft des Göttlichen in Gestalt Shivas, zerrt die noch bestehenden Illusionen in ihrer Familie ans Licht. Kym ist unausstehlich und freut sich auch nicht spontan über die Nachricht von Rachels Schwangerschaft. Sie bekommt einen Wutausbruch und überhäuft die Schwester mit Anschuldigen: „Wait! Stop! You can't just drop that tectonic bit of information into a completely separate conversation, Rachel. You can‘t do that!“ Sie zwingt ihre Eltern, Rachel und sich selbst, sich den lange verdrängten Problemen und Verstrickungen vorbehaltlos zu stellen. Die Widersprüchlichkeit ist Kyms Kennzeichen und und sie neigt zu extremem Verhalten. Als Quelle sowohl des Übels wie des Guten ist sie dennoch die konstruktivste Figur im Kosmos ihrer Familie. Sie weist schroff auf die alten Wunden hin, verhindert, dass ihnen ausgewichen wird, und leitet damit aber ihre Verheilung ein.

Schwierige Beziehung unter Schwestern: Kym und Rachel (Rosemarie DeWitt)
© Sony Pictures
Heterotopie eines kosmopolitischen Amerika

Die oben geschilderte Geisteraustreibung und die Zerstörung und Neuschöpfung der Welt der Buchmans findet vor einem großen Publikum statt, gebildet aus den vielen Menschen, die sich der Familie verbunden fühlen und zu ihrem Fest angereist sind. Der Gemeinschaftsgeist, die Solidarität und die Lebensfreude der Freunde versetzen Kym und die anderen in eine Stimmung, in der plötzlich alles möglich scheint, auch die Vision eines multiethnischen und gleichzeitig harmonischen Amerika. Die weiße Rachel und der Afroamerikaner Sidney haben Freunde mit u.a. asiatischen, arabischen, brasilianischen oder britischen Wurzeln. Es rufen die alte, heute oft als unrealistisch abgetane Idee des Melting Pot, des Schmelztiegels der Nationen, ins Gedächtnis. Es ist ein tolerantes und optimistisches, vor Vitalität sprühendes Amerika, das Kreativität mit beruflichem Erfolg verbindet. Es ist eine schöne Idee, die der Film aber nicht als realitätsferne Phantasie präsentiert, sondern selbst geschickt in Schach hält, zum Beispiel in den Worten von Sidneys Mutter, die beim Abendessen die vollständige Verwirklichung dieses Paradieses erst im Himmel voraussieht: And we are one, all of us. And this is how it is in heaven. Just like this. And I'm so glad we're having a rehearsal on it now.“ Vorerst findet das ideale Amerika erstmal nur aus Anlass dieser Hochzeit statt, und zwar im unter Leuten, die vorwiegend Musiker sind und eher als andere an das Erleben und Genießen von Vielfalt und Differenzen gewöhnt sind. Es ist eine Avantgarde von Künstlern, die bereit ist, in weiten Kategorien zu denken und die in der Tradition der gegenkulturellen Bewegung der Sechzigerjahre steht. In diesem Kreis kommen die Grenzen zwischen den Ethnien und Kulturen, auch zwischen filmischen und musikalischen Genres ins Fließen. Dadurch erzeugt der Film einen Flow und einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann, wie auch durch die bewegliche Kamera, durch die Vertrautheit des Ensembles untereinander, durch die besondere Mischung aus Planung und Improvisation. Die lange, von Musik und Tanz dominierte Sequenz am Ende hat einige Kritiker an die Schlüsse von Shakespeare-Stücken erinnert. Als Barde tritt darin Robyn Hitchcock als er selbst auf mit seinem emblematischen Song America.
Das kosmopolitische Paradies dieser Runde ist von dem Film eindeutig als fiktive Heterotopie markiert. Im Gegensatz zu einer Utopie, die einen perfektionierten Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Wirklichkeit in die Zukunft projiziert und nur in der Vorstellung existiert, ist eine Heterotopie (laut Michel Foucault) ein innerhalb der Gesellschaft abgegrenzter Raum, in dem ein Ideal in der Gegenwart tatsächlich gelebt wird. In der Wirklichkeit der Erzählung von Rachels Hochzeit hat diese Heterotopie nur die verhältnismäßig kurze Dauer von einem Wochenende; sie bleibt aber gespeichert, kann als Film immer wieder abgerufen werden und entfaltet deshalb wie andere Heterotopien (zum Beispiel Klöster, Wallfahrtsorte, Bauhaus-Siedlungen oder Hippie-Kommunen) eine länger anhaltende Wirkung in die Gesellschaft hinein und leistet einen Beitrag dazu, auch die bösen Geister der im Wahlkampfjahr 2016 deutlich hervorgetretenen Spaltung der Nation auszutreiben.